Erik Schmidt – Retreat

Ausstellungsdauer: 18 September — 30. Oktober 2022

Text von Silvio Saraceno, deutsche Übersetzung von Hannah Rettl

Kunstraum Potsdam | Waschhaus freut sich, Erik Schmidts neueste Solo-Show Retreat zu präsentieren, in der er den Ausstellungsraum in sein eigenes flüchtiges Paradies verwandelt.
Die kreative Erkundung des vielschichtigen deutschen Malers (*1968) ist oft von den Erzählungen seiner Auslandserfahrungen und seinem Wunsch geprägt, seine Wahrnehmung fremder Kulturen zu veranschaulichen.

Die Ausstellung stellt uns eine sechswöchige Reise auf Einladung der one world foundation vor, die er im vergangenen Frühjahr nach Sri Lanka unternahm, in die Dörfern rund um die Hauptstadt Colombo, wo im März 2022 Massenproteste begannen und sich über das ganze Land ausbreiteten. Proteste von Menschen, die sich – dreizehn Jahre nach dem Ende eines langen Bürgerkriegs – immer noch nicht erholt und nun mit einer Wirtschaftskrise zu kämpfen haben, zu der Stromausfälle und Engpässe bei grundlegenden Gütern wie Kraftstoff, Lebensmitteln und Medikamenten gehören.

In No Crisis, einer Zeichnungsserie, die auf Fotos basiert, die der Künstler auf seinen Erkundungen durch die Strassen aufgenommen hat, lößt Schmidt Figuren aus dem Menschenstrom heraus und portraitiert diese auf Zeitungsseiten, aus denen er täglich die nationalen Nachrichten erhält. Das Ergebnis ist eine äußerst ausdrucksstarke Aneinanderreihung von dicken Strichen, die trotz der begrenzten Farbpalette und der Feuchtigkeit der Gegend einen echten Einblick in die lokale Gemeinschaft bietet.

Die optische Filterung der Welt durch den Künstler zeigt sich in Palm Bombs, großformatigen Gemälden, die auf Fotos von Palmen basieren, die während des Aufenthalts in der one world foundation aufgenommen, zunächst auf Leinwand gedruckt und dann in seinem Atelier übermalt wurden. Schmidts Perspektive ermöglicht dem Betrachter einen Blick auf die Palmen von unten nach oben, was normalerweise verboten ist, um Verletzungen durch herabfallende Kokosnüsse zu vermeiden. Die Impasto-Technik wird hier mit einem aggressiven Strich angewandt, und die pastose Öl-Farbe wird greifbar skulptural und zu reiner verstörende Farbe abstrahiert. Überwältigt von einer so politisch konnotierten Umgebung, wird selbst der faszinierte Blick des Malers beeinträchtigt. Die Natur selbst wird durch seine Pinselstriche zum Kriegsgebiet: Früchte werden zu Bomben, Palmblätter sind ihre Explosionsstrahlen.

Die Überreste dieser Explosionen – von denselben Bäumen herabgefallen – liegen auf dem Boden des Raumes und sehen aus wie Waffen und Handgranaten. Weitere Zeitungsseiten liegen auf einem Bügel, überschrieben mit Schlagwörtern, als ob man verzweifelt versucht, die Nachrichten, die man zu lesen gezwungen ist, auszulöschen. Die Erwartung, dass das Palm House ein Paradies ist, scheitert und bringt uns zurück zum gewaltsamen Scheitern der Zivilisation.

Die vergebliche Suche nach einem Zufluchtsort findet sich auch in den beiden Videos Fine und Inizio wieder, die thematisch mit den Gemälden verwandt sind, aber in einem anderen geografischen und zeitlichen Kontext spielen. In diesem Teil der Ausstellung verlagert sich das Szenario von der greifbaren Realität zu Schmidts eigener innerer Dimension, dem verlorenen Paradies, in dem die Illusion eines Zufluchtsortes erneut unerreichbar ist. Eine Selbsterforschung durch Schuldgefühle und Katharsis, die zweifellos aus der Unruhe seines Lebensweges entstanden ist und schließlich zu der bewussten Erkenntnis führt, dass es auf der Welt keinen Platz mehr für den Rückzug gibt.


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